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Nach Ausscheiden aus Berufsleben engagiert sich Traute Kümmel in Gießener Hospiz

 

Von Ingo Berghöfer

GIESSEN - "Na, die Wohnung passt zu Traute", denke ich, während ich die knarzigen Altbautreppen in den dritten Stock empor ächze. Traute Kümmel empfängt mich mit dem gleichen Strahlen im Gesicht, mit dem für mich 20 Jahre lang die meisten Tage begannen, wenn ich auf dem Weg in mein Büro am Sekretariat vorbei kam. Denn Traute war bis vor vier Jahren nicht nur die Chefsekretärin des Gießener Anzeigers, sondern auch sein guter Geist und oft auch unsere Stimmungskanone. Drei Stockwerke jeden Morgen runter gehen, nur um die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen? Für die einen ein Albtraum, für Traute Kümmel der Start ins tägliche Fitnesstraining. Und wer immer behauptet hat, dass Sport Mord sei, hat gelogen. Traute Kümmel sieht auch mit 69 noch immer so aus wie mit 50. Im Flur erinnern zahlreiche Medaillen an ihre läuferischen Glanzleistungen bei Marathons und Ultramarathons. Daneben hängen zahlreiche Originalgemälde vom multitalentierten Chronisten Oberhessens Karl Brodhäcker. Die Rente, die unsere ehemalige Sekretärin seit vier Jahren genießt, bekommt ihr offenkundig blendend. "Mein Leben ist ein Traum", sagt sie und fügt nach einer kleinen Pause hinzu: "Und das habe ich auch verdient. Ich habe schließlich lange genug gearbeitet." Traute Kümmel ist ein Mensch, der sein Leben bewusst lebt und genießt, und dennoch werden wir beide gleich auf ihrem Balkon mit schönem Blick aufs Zentrum der Stadt ein Gespräch über den Tod führen.

Zum Porträt der Woche gehört bekanntlich auch ein Fragebogen, und mit dem werden vorzugsweise Prominente konfrontiert. Ein Schriftsteller hat einmal den Spieß umgedreht und seinen Lesern Fragen gestellt. Eine davon lautete: "Glauben Sie, dass Sie sterben werden?". Die nächste Frage lautete: "Glauben Sie das wirklich?" Und damit hat der Autor einen wunden Punkt getroffen. Natürlich wissen wir alle, dass wir irgendwann sterben müssen, dass der Pfeil, der bei unserer Geburt auf unser Herz abgefeuert wurde, eines Tages sein Ziel trifft, wie es der Dichter Jean Paul sehr poetisch formuliert hat. Aber bis es soweit ist, denken wir lieber nicht ans Ende unserer Tage und unser Alltag ist ohnehin viel zu geschäftig und lärmend, als das wir das Surren des sich nähernden Pfeils hören könnten.

Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen, so formulierte es ein Mönch im Frühmittelalter, Traute Kümmel wurde das so richtig bewusst, als bei ihrer besten Freundin Krebs festgestellt wurde. "Im Juni hatte sie die Diagnose, im Dezember war sie schon tot", erinnert sich Traute. Nachdem sie austherapiert war, wurde ihre Freundin zuhause palliativ betreut. Das war für die 69-Jährige, der erste Kontakt mit dem Thema Sterbebegleitung. Als am 3. März 2014 das Haus Samaria als erstes Sterbehospiz Gießens im früheren Schwesternwohnheim am Evangelischen Krankenhaus mit zehn Betreuungsplätzen in Betrieb genommen wurde, war Traute von Anfang an als ehrenamtliche Helferin mit dabei.

"Bevor wir aber über diese Dinge reden, essen wir erst mal was", unterbricht sie sich selbst und serviert erst einmal einen Wurstsalat mit Weißwurst, Krakauer, Zwiebeln und Dill, der jedem Münchner Traditionswirtshaus zur Ehre gereichen würde. So ganz kann sie das Münchner Kindl dann doch nicht verleugnen, auch wenn sie bereits mit fünf ihre Geburtsstadt verlassen hat, um mit den Eltern nach Gießen zu ziehen. Die hatten da schon eine kleine Odyssee hinter sich. Eigentlich stammt Trautes Vater aus Thüringen., und zwar aus der "Waffenstadt Suhl". Er war selbstredend Büchsenmacher und arbeitete später in Österreich. 1947 zogen ihre Eltern nach Garmisch. Nach dem frischverlorenen Krieg war der Bedarf für Büchsenmacher überschaubar. Darum zog die Familie nach Gießen, wo der Bruder ihres Vaters in der Ludwigstraße eine Büchsenmacherwerkstatt besaß. "So hat es mich zu den Saupreißn verschlagen", lacht Traute ihr herzliches Lachen. Nach der Schule absolvierte sie dann eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin. Zunächst arbeitete sie in Frankfurt bei der Bundesbank als Angestellte im Interzonenhandel. Mit dem ersten Mann zog sie dann nach Darmstadt, bevor sie "der Liebe wegen" nach Gießen zurückkehrte. Traute Kümmel las dort in einem Inserat, dass der Anzeiger eine Sekretärin suchte. 31 Jahre lang bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Berufsleben war sie dann auch erste Anlaufstelle für hilfesuchende Redakteure, ob die nun eine Aspirin brauchten, oder jemanden, der wusste, wie das vermaledeite Faxgerät funktioniert.

Zweimal in der Woche ist sie jeweils fünf bis sechs Stunden im Gießener Hospiz tätig, zum einen, um dem Pflegepersonal zuzuarbeiten, zum anderen aber um für die Bewohner da zu sein. Ihr Tag beginnt um acht Uhr mit der Zubereitung des Frühstücks für das Pflegepersonal und die "Gäste" ("Bei uns gibt es keine Patienten, sondern nur Gäste"), die noch laufen können. Den anderen bringt sie ihr Essen ans Bett. "Über das Essen bekommt man Kontakt, und mit der Zeit bekommt man auch ein Gespür dafür, ob ein Mensch überhaupt Kontakt will."

So unterschiedlich wie wir Menschen sind, so sind auch die Reaktionen auf die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit. "Die meisten müssen erst einmal verkraften, wo sie jetzt sind, und das ist nicht leicht", weiß Kümmel. Falls gewünscht begleitet sie die Gäste, die auf den Rollstuhl oder einen Rollator angewiesen sind, bei kleinen Spaziergängen. Dabei entwickeln sich manchmal Gespräche, aber manchmal auch nur ein "wunderbares, einvernehmliches, inniges Schweigen". Und dann erzählt Traute von einem Gast, der einen nachhaltigen Eindruck bei ihr hinterlassen hat: "Diese Frau ruhte in sich selbst, hat ein gutes Leben gehabt und war voller Dankbarkeit. Sie hat nie mit ihrem Schicksal gehadert. Ich habe oft an ihrem Bett gesessen und wir haben lange Gespräche geführt," und nach einer langen Pause sagt sie noch: "Wir waren Seelenverwandte." "Was hast Du aus diesen Gesprächen mitgenommen?", frage ich. Ihr Blick gleitet ein paar nachdenkliche Augenblicke über die spätsommerliche Blätterpracht der mächtigen Bäume gegenüber des Balkons, auf dem wir Platz genommen haben: "Man braucht keine Angst vor dem Sterben zu haben. Ihre Hinnahme hat mir Kraft gegeben."

Obwohl Traute auch vorher schon keine Angst vor dem Sterben hatte, die Arbeit im Hospiz hat ihre Sichtweise dennoch verändert. "Die Endlichkeit gehört zu unserem Leben. Wenn man das erst einmal verinnerlicht hat, nimmt das dem Tod seine Schwere. Sterben ist eine Normalität und nichts, was man wegschieben sollte. Er hat keinen Schrecken und manchmal ist er sogar sanftmütig."

Doch das ist nicht immer so. Manche ihrer Gäste sind gerade mal 30. Mitten aus dem Mittag des Lebens und einer jungen Familie gerissen, fällt es schon schwerer, zu gehen. Und manchmal sind es auch die Angehörigen, die nicht loslassen können. "Das spürt ein Todkranker, und das macht es ihm nicht leichter."

Zigaretten können durchaus gesundheitsfördernd sein, jedenfalls wenn man beschließt, sie nicht länger zu rauchen wie Traute Kümmel 1993. Um nicht die Körpermaße ihrer Mutter zu erreichen, sagte sich Traute: "Entweder werde ich jetzt zu einer Kuh oder zu einer Ziege". Eine Kuh wollte sie nicht werden, also begann sie mit dem Laufen und stehen geblieben ist sie bis heute nicht. Aus einer Biertischlaune heraus, kündigte sie ihren ersten Marathon an. Den absolvierte sie in Berlin mit der glücksbringenden Startnummer 1111. Zahlreiche weitere sollten folgen, dazu der Two-Oceans-Lauf in Kapstadt mit 56 Kilometern und der Rennsteig-Ultramarathon mit 74 Kilometern Distanz. Seit 19 Jahren tritt Traute Kümmel zudem in dieselben Pedale. Die gehören einem Drahtesel, den ihr die Kollegen vor fast 20 Jahren zum 50. geschenkt haben, und mit dem ist sie schon tausende Kilometer durch "unser schönes Deutschland" gefahren ist, getreu ihrer Devise "Lieber bergauf als bergab".

"Ein Sterbezimmer hat eine ganz bestimmte Aura", sagt Traute: "Es nimmt dir Kraft, aber es gibt einem auch Kraft. Das ist eine ganz komische Mischung. Auf jeden Fall muss man mit einer positiven Einstellung in diese Zimmer gehen. Ich bin wie ich bin und so bin ich auch im Hospiz. Ein betrübtes Gesicht, in dem sich nur das spiegelt, was man selbst ohnehin weiß, das wollen die Gäste nämlich nicht." Schlimm sei nur, wenn man auf einem neuen Namensschild einen vertrauten Namen liest: "Da kann man keine Freude geben. Das geht dann durch und durch, und da schläft man schon mal eine Nacht nicht. Man nimmt so manches mit Nachhause." Es gibt auch Abbrecher unter den ehrenamtlichen Helfern und andere, die immer wieder einmal eine Pause brauchen. Für Traute Kümmel war das nie eine Option, denn da gibt es auch immer wieder diese "schönen, weichen, menschlichen Momente", wenn im Sommer gegrillt, oder einfach mal gemeinsam gelacht wird.

"Man darf keine Angst vor Nähe haben, muss eine Hand halten können und auch einmal mit dem, dem diese Hand gehört einfach nur gemeinsam weinen", sagt sie. Denn auch die Angst ist nie allzuweit weg, vor dem Alleinsein, just in dem Augenblick, wenn der letzte Vorhang fällt.

Es sagt etwas über unsere Gesellschaft aus, dass man an Orten wie dem Gießener Hospiz oft erst am Ende des Lebens Menschlichkeit und Wärme erfährt und nicht einfach nur aufs Geld geschaut wird. Im kostenoptimierten Alltag unseres Gesundheitssystems bleibt das freilich oft auf der Strecke. "Mir wird himmelangst und bang, wen ich einmal in ein Altersheim oder ein Krankenhaus müsste", so die Seniorin, aber soweit ist es noch lange nicht.

"Ich mache jetzt nur noch die Dinge, die mir Freude machen, früher war ich da preußischer", schmunzelt sie: "Wenn Putztag war, war Putztag. Wenn heute am Putztag die Sonne scheint, fahr ich lieber Rad oder gehe in die nächste Eisdiele." Dann erzählt sie mir, wie sie neulich bei einer ihrer Radtouren nach einem kilometerlangen Aufstieg mit einer guten Freundin und eisgekühltem Sekt auf einer Wiese saß und kilometerweit ins Biedenkopfer Hinterland schaute. "Das sind so Augenblicke, in denen einem schlagartig klar wird: Das ist Leben und das Leben ist schön."